I. Das Corps bis zur Auflösung im S. S. 1856
Unsere Hassia, eines der 4 ältesten Corps im Weinheimer S.C.-Verband, hat sich wie andere technische Corps in einer unruhigen Zeit aus bescheidenen Anfängen entwickelt. Zum Verständnis hierfür sind die Verhältnisse um die ersten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts in korporationsgeschichtlicher und staatsformender Hinsicht, wie auch die mit Macht einsetzende technische Entwicklung von besonderer Bedeutung.
Die deutschen Landsmannschaften alter studentischer Form hatten sich aus der zersetzenden Macht der Studentenorden des ausgehenden 18. Jahrhunderts gelöst und den Begriff der deutschen Corps als studentische Gemeinschaft geschaffen. Hinzu kamen Bestrebungen zur Bildung einer gesamtdeutschen Burschenschaft. So folgen in den ersten Jahrzehnten ab 1800 Neugründungen, Suspendierungen, Rekonstitutionen und der Wechsel von Namen und Farben in ununterbrochener bunter Reihenfolge an vielen deutschen Hochschulen. In den Chroniken alter Corps und der einschlägigen Literatur ist dafür leicht die Bestätigung zu finden.
Diese Zeit ist auch erfüllt von dem Bestreben des Volkes an den gesetzgebenden Maßnahmen der Regierungen teilzunehmen, gekennzeichnet durch Unruhen, Aufstände und die 1848er Revolution. Bei all dem konnte die studierende Jugend nicht unbeteiligt bleiben. Die Einrichtung von höheren Gewerbschulen, polytechnischen Lehranstalten und Akademien in den 20er und 30er Jahren nach 1800 ermöglichte das Entstehen unserer techn. Corps. Ohne eingehende chemische, physikalische und mathematische Kenntnisse war eine Fortentwicklung technischer Großbauten und der Erzeugnisse chemischer Produkte undenkbar. So entstand auch unsere Technische Hochschule im Jahr 1836 als höhere Gewerbschule in Darmstadt, die 1886 ihr 50-jähriges und 1936 ihr 100-jähriges Bestehen feierte. Sie hatte 2 vorbereitende, die untere und obere Abteilung, nach deren Absolvierung das sogenannte realistische Maturum gemacht werden konnte. Die Lehranstalt selbst teilte sich im Unterricht in Fachabteilungen oder Kurse. Es waren dies:
• der chemisch-technische mit 4 Semester Studium,
• der mechanisch-technische mit 4 Semester Studium,
• die Bauklasse mit 6 Semester Studium,
• die Ingenieurklasse mit 6 Semester Studium,
• der landwirtschaftliche Kurs mit 2 Semester Studium.
Die Bezeichnungen Klassen und Kurse waren auch an benachbarten Hochschulen gebräuchlich. Auch höhere Postbeamte und Forstleute studierten in Darmstadt. Amtlich wurden die jungen Studierenden ,,Schüler“ genannt. Sie selbst betrachteten sich als Studierende. In den Fachkursen bestand akademische Freiheit, die Auswahl des Unterrichtsstoffes und der Besuch der Vorlesungen war dem Schüler vorbehalten.
Bald gewann die Schule an Ansehen und machte nennenswerte Fortschritte, die sich in ständiger Erhöhung der Besucherzahl ausdrückte. Ein großer Neubau am Kapellplatz wurde 1842-44 von der Stadt Darmstadt errichtet. In ihm besuchten noch nach 1869 unsere Mitglieder die Vorlesungen. Die verdienten Leiter der Anstalt waren bis 1846 Oberstudiendirektor Dr. Schacht, von da bis 1862 Professor Dr. Külp . Nur einen grundlegenden Mangel hatte die Schule, die fehlende Erteilung eines Diploms mit entsprechender Abgangsprüfung. Wer in den Staatsdienst gehen wollte, war gezwungen, sein Studium auf der Universität fortzusetzen. Diese Verkennung der rasch aufblühenden technischen Wissenschaften, der gehobenen technischen Berufe, die auch der Staat notwendig brauchte und denen er die akademische volle Vorbereitung in Darmstadt versagte, führte um 1850 einen katastrophalen Rückgang der Zahl der Studierenden, eine Abwanderung zur nächstliegenden, fortschrittlicher ausgebildeten polyt. Akademie in Karlsruhe herbei, die fast den Untergang der immer noch an dem Namen ,,Höh. Gewerbschule“ klebenden Anstalt zur Folge hatte. In unverständlicher Einstellung der Regierung versagte man nach den günstigen Anfängen der Schule die notwendigen Zuschüsse. Sie betrugen 1852 ganze 11 000 M! Für die Entwicklung der Darmstädter Corps sind diese Ausführungen von Bedeutung.
Auch die erwähnten politischen Verhältnisse damals spielten bei der Dezimierung der Besucherzahl und der Abwanderung gerade nach Karlsruhe eine Rolle, abgesehen von der vielfach und mit Erfolg propagierten Auswanderung über See nach Texas und Mexiko. Erst 1864 nach geradezu persönlicher Aufopferung des 1862 verstorbenen Direktors Prof. Dr. Külp wurde eine Reorganisation durchgeführt, der Name erst rückläufig in ,,Technische Schule“, 1869 in ,,Polytechnische Schule“ umgeändert und der Staatszuschuß auf 52 000 M. erhöht. Ich glaube annehmen zu dürfen, daß man die Schule kleingehalten hat, da man in der Residenz Darmstadt eine der Landesuniversität Gießen gleichrangige Hochschule technischer Art nicht für tragbar hielt.
Für das Gepräge des Corps und der übrigen in Darmstadt bestehenden C.C. darf auch der kulturelle Stand der damaligen Zeit nicht unerwähnt bleiben, die Zeit der ausgehenden Romantik, des Biedermeier mit all ihrer weitgehend vom Hofe abhängenden Gestaltung und Kleinbürgerlichkeit. Man denke an den Dichter Niebergall und seine Lokalposse ,,Der Datterich“. Darmstadt war damals baulich im Wachsen begriffen, alles westlich und südwestlich des Schlosses gelegene Gebiet wurde gerade erschlossen. Bessungen war noch vollkommen von Darmstadt getrennt, der Bereich der Heinrich-, Anna- und Wilhelmstraße bestand aus Gärten. Es gab noch Tore, wie das Rheintor, Jägertor, Sporertor, Bessungertor, wenn auch nicht mehr in festungsmäßiger Art, sondern mit Wachthäusern, von denen noch eines auf dem Heilig Kreuz an 2. Stelle steht.
Die Besucher der Höh. Gewerbschule waren durchaus keine Lehrlinge, sondern kamen von den Realschulen und Gymnasien. Sie entstammten Beamten- und Offiziersfamilien, gehobenen selbständigen Handwerker- und Fabrikantenkreisen, wie aus den Matrikellisten der Hochschule ersichtlich. Auch Ausländer, wohl durch den Bau der Eisenbahnen zum Neckar und Main angezogen, studierten in Darmstadt.
Das ist in kurzen Umrissen, ohne Eingehen auf viele bekannte nähere Umstände der Boden, auf dem unser Corps und andere in Darmstadt entstanden. Schon 1838 ist ein Corps Franconia mit den Farben schwarz-weiß-rot und schwarzer Mütze bekannt und durch ein Fuchsband nachgewiesen, dessen Beschriftung aus Franconia sey’s Panier! und einigen Namen besteht. Kurz nach 1840 ist nichts mehr über diese Verbindung zu erfahren. Hingegen soll vor 1840 bereits eine lose ,,Vereinigung der Hessen“ bestanden haben, welche die Farben grün-weiß-rot trug. Genaues läßt sich darüber nicht mehr feststellen, es geht jedoch aus den brieflichen Mitteilungen eines Corpsmitgliedes damaliger Zeit und einem Stammbuchblatt des Gründungsseniors hervor, dem ein grün-weiß-rotes Stückchen Band angeheftet ist.
Die heute noch bestehende Hassia wurde am 27. S e p t e m b e r 1840 mit den Farben grün-weiß-gold und grünen Mützen gestiftet. Der Wahlspruch lautete: „Einer für alle, alle für einen.“ Die Gründer waren:
Ernst Vowinkel aus Groß-Umstadt in Hessen,
Ernst Wilhelm Heim aus Mainz,
Heinrich Kern aus Babenhausen in Hessen,
Wilhelm Hoffmann aus Brensbach im Odenwald,
Carl Habich vom Forsthaus Kühkopf am Altrhein,
Paul Stumpf aus Mainz,
Paul Amelung aus Darmstadt.
Die Farben wurden wohl zum Unterschied mir der damals noch bestehenden grün-weiß-roten Gießener Hassia gewählt, wie ebenfalls aus brieflichen Zeugnissen alter Mitglieder hervorgeht. Als diese Gießener Hassia sich 1843 mit einer Marcomannia verband und deren schwarz-weiß-rote Farben annahm, bestand für Hassia - Darmstadt kein Grund mehr, die wahrscheinlich schon früher geführten grün-weiß-roten Farben bei einer Rekonstitution anzunehmen. Diese fand am 3. D e z e m b e r 1843 statt, ohne daß das Corps unterbrochen worden wäre. Aus dieser Zeit stammen auch noch unsere vorhandenen Statuten mit 52 Titeln. Die Mützenfarbe blieb grün, ihr Rand hatte 2 Streifen, weiß und rot. Auch der Wahlspruch und die Fuchsenfarben: grün-weiß blieben dieselben. Beide Gründungsdaten sind durch zahlreiche Gegenstände, die Statuten, Wappen und Bandinschriften belegt. Die Beschreibung all dieser archivalisch und kulturhistorisch wertvollen Überreste muß einer beträchtlich erweiterten Abhandlung vorbehalten bleiben.
Das Corps entwickelte sich gut, besonders als der stud. cam. Eduard Bindewald, 1841 vom Gießener Pennal nach Darmstadt kam. In Gießen als Mitglied einer grün-weiß-roten Pennal - Hassia im Komment und durch gemeinsame Kneipen mit dortigen Studenten im studentischen Brauchtum erfahren, brachte er das ,,Corpschen“ der Hessen in Darmstadt, wie er es in seinem Curriculum vitae benennt, in die rechte Form und durch den Zuwachs vieler neuer Mitglieder zum Blühen. Zweifellos trug hierzu auch der Verkehr mit in Darmstadt weilenden oder studierenden Mitgliedern Heidelberger und Gießener Corps, wie Vogel, Jäger, Ihrig, Storch und anderen bei, wie ja die Schule selbst mehr florierte. Aus jener Zeit sind in zahlreichen Stammbuchblättern einige Memorabilien erhalten, wie 2. Stiftungsfest in Nieder - Ramstadt, Kneipen und Kommerse ebendort, auf der Ludwigshöhe und in Griesheim, am Herrgottsberg und dergl. Ein Ereignis jener Zeit, das jedoch mir durch Überlieferung bekannt ist, war ein Ausflug an den Rhein, wo vor den Toren von Mainz bei der Rückkehr der lärmenden jungen Leute die Polizei einschritt und Fahnen confisziert wurden. Ein authentischer Hinweis darauf bildet wohl eine auf dem sogen. Lebewohlbild befindliche Vignette mir der Darstellung einer fröhlichen Gesellschaft junger Leute und der Unterschrift ,,im Herbst 42“. Bis in jene Zeit dürfen wir unser Corps noch als eine wohl bereits studentisch gefügte, aber erst in der Entwicklung begriffene Korporation ansehen. Anders wurde das mit der Rekonstitution 1843, von welchem Zeitpunkt ab wir uns unsere Hassia als Corps im heutigen Sinne vorstellen müssen. Die ,,Gesetze“ lagen fest, die alten grün-weiß-roten Hessenfarben waren wieder angenommen, eine genügende und entsprechend gealterte Aktivitas war vorhanden. Ein Komment hat sicher bestanden, denn am 5. März 1843 war ein 2. Corps gegründet worden, eine Germania mit den Farben schwarz-weiß-orange. Auch von ihr sind noch Überreste erhalten, unter anderem Teile des Konventbuches, dessen Vorhandensein für unser Corps ebenfalls bestätigt, das aber, ebenso wie das Paukbuch bei späteren Disziplinaruntersuchungen verloren gegangen ist. Über Paukereien sind für jene erste Zeit nur unbestimmbare Hinweise vorhanden.
Im Jahre 1844 verließen nach beendetem Studium eine große Zahl unserer Mitglieder die Schule, darunter die Gründer Vowinkel, Heim und Kern, Schwab und auch Bindewald. Vowinkel, Heim, Kern und Bindewald wurden für ihre Verdienste um die Hassia zu Ehrenmitgliedern ernannt. Um die Treue zu wahren und als Erinnerungsblatt für besiegelte Freundschaft wurde eine sehr schöne Lithographie hergestellt, die noch in mehreren Stücken erhalten ist. Gekrönt von dem Wappen der Hassia vom 3. Dezember 1843 und umrahmt von 8 kleinen Vignetten und Szenen aus dem Studentenleben, von denen eine bereits erwähnt ist, befindet sich die Ansicht von Darmstadt mit Schloß, Kirchen und dem großen Woog. Davor 2 Abschied nehmende Studiosen in Tracht und Begleitung einer Dogge. Darunter ein Schildchen mit dem Hessenzirkel und der Aufschrift: ,,Lebewohl! am 27. September 1854 sehen wir uns wieder“ Eine Vignette zeigt 2 Studenten mit Felleisen durch den Wald bei aufgehender Sonne marschierend, darunter steht ,,zur Ludwigshöhe“. Da aus dem einen Ranzen Speere herausstehen, ist anzunehmen, daß Paukzeug zur Ludwigshöhe geschleppt wird. 3 pokulierende Studenten an anderer Stelle des Bildes heben Gläser mit den Buchstaben F-L-H, Freundschaft, Liebe, Hoffnung, als Sinnbild der Farben der Hassia. Außerdem ist noch die Darstellung einer Mensur, des Fürst von Thoren, einer Weihnachtskneipe, ein Ständchen vor der Auserwählten, sowie eine Fäßchenpartie mit jungen Mädchen zu sehen, bis auf die erwähnten beiden mit Unterschrift versehenen Vignetten wohl mehr symbolhafte Bildchen. Dieses bedeutende und interessante Erinnerungsblatt wurde den jeweils abgehenden Mitgliedern vom Corps mitgegeben. Einzelne dieser Stücke sind in Hessen verstreut wieder aufgetaucht und ans Corps zurückgekommen.
Der Gedanke der Rekonstitution am 3. Dezember 1843 ist ohne Zweifel der des sich Freimachens von Unvollkommenheiten der ersten Entwicklungsjahre und der Erringung der Unabhängigkeit von äußeren Einflüssen, wie sie durch die Wahl der Farben am 27. September 1840 gekennzeichnet war. Für die nächsten Jahre nahm der Bestand des Corps einen guten Fortgang. Die Leitung der Schule stand den Corps, zunächst Hassia und Germania, später noch Rhenania und Allemannia wohlwollend gegenüber, wie sich aus ihren Berichten zur Zeit der Untersuchungen ergibt. Die in den Corps herrschende Zucht trug zur Förderung der Reife der jungen Studierenden bei, auch repräsentierten sie immerhin auch nach außen in der Bevölkerung. Wie berichtet wird, fanden Bälle und Feiern statt, zu denen der Lehrkörper und sonstige Gäste eingeladen wurden. Die wichtigsten Quellen für unsere Geschichte sind Mitteilungen aus den Erinnerungen alter Mitglieder und der reiche Inhalt der Untersuchungsprotokolle durch Behörde und Schulleitung um die 50er Jahre.
Das Corps hatte für seine Konvente und Kneipen in Gasthäusern Brauereien und auch privat Räume gemietet. Konvente wurden jedoch oft auch auf den Stuben abgehalten, wozu gelegentlich die Füchse bestellt wurden. Als Kneiplokale werden in den Berichten genannt: Die Krone, Prinz Alexander und Enslings Brauerei, (später der Perkeo) in der Alexanderstraße, dort auch der goldne Hirsch, der Hanauerhof in der Heinheimersrraße, Börtingers Brauerei am Ludwigsplatz, der Ritsertsche Biergarten in der oberen Hügelstraße, das Chausseehaus und das Lämmchen in Bessungen. Die Kneipen dauerten längstens bis 11 Uhr, es wurde deshalb früher angefangen als heute. Ihre Ausstattung war denkbar einfach, der damaligen einfachen Zeit entsprechend, Bänke, Tische, Leuchter, Tabak- und Fidibusbehälter. Die Dekoration bestand aus den 2 Wappen, dem v. 27. 09. 1840 und vom 3. 12. 43, wie ausdrücklich erwähnt wird, dazu Fahnen, Transparente in den Farben, die bei feierlichen Anlässen beleuchtet wurden. Überhaupt verlief das Leben der Burschen und Füchse ohne irgendwelchen besonderen Aufwand. Ereignisse, wie Stiftungsfeste wurden allerdings mir etwas Pomp und in größeren auswärtigen Lokalen, wie in der Krone in Auerbach mir Tanz, Musik und ,,Freinacht“, d. h. ohne Polizeistunde, wofür Genehmigung eingeholt werden mußte, gefeiert. Die Kosten für solches Fest waren für den einzelnen zur damaligen Zeit immerhin beträchtlich, 7 bis 8 Fl. (Gulden). Von den genannten Wirtshäusern in Darmstadt bestehen heute nur noch die Krone und das Chausseehaus, auch diese nicht mehr im alten Gewand, alle anderen sind den Bomben zum Opfer gefallen, wenn sie nicht bereits früher eingegangen waren. Mit der Gründung der anderen genannten Corps, Germania am 5. 3. 1843, rekonstituiert am 25. 6. 1845 mit den Farben schwarz-rot-hellblau, schwarzer Mütze, Rhenania mir blau-weiß-rot, blauer Mütze, Allemannia gegründet 18. 10. 1848 als sogenannter ,,Tugendbund“, am 18. 10. 1849 Corps mit schwarz-rot-grünem Band und schwarzer Mütze entstand ein S.C ., der in Zeitabständen zusammentrat. Es wurde jeden Monat einmal gemeinsame Kneipe abgehalten, sogen. Allgemeine, zum Semesterschluß jeweils ein Kommers aller Corps auf dem ,,Heilig Kreuzberg“ oder der Ludwigshöhe. Durch die 4 Zahl der Corps wurde auch das Paukwesen geregelt. Aus den Protokollen geht hervor, daß ab 1844 regelmäßig gepaukt wurde. Die Partien wurden auf sogen. Kontrahierkneipen ausgemacht, wo man sich gegenseitig tuschierte. Gefochten wurde in damaliger Zeit noch meist in wattierter Mütze mit großem Schild auf 24 Gänge, die Zahl der Gänge war jedoch verschieden. Bei verschärften Forderungen fiel die Mütze fort und die Bandagen wurden verringert. Auf 1 Gang bedeutete bis zur Abfuhr, als schwerste Forderung. Trotz der erheblichen Bandagierung kamen doch gelegentlich bedeutende Abfuhren heraus. Der Fechtboden der Hessen befand sich einige Zeit im alten Salzmagazin in der Zeughausstraße und in der Werkstatt des Schreinermeisters Quiering am Bessunger Lattentor, wo auch der damalige Senior, Vetter, wohnte. Als Ort der Paukereien wird bereits das Heiligkreuz, die Ludwigshöhe, das Doll‘sche Haus vor dem Rheintor und Eberstadt genannt. Die Mensuren wurden in den frühen Morgenstunden, genau in der späteren Weise mit Sekundanten und Unparteiischen ausgefochten. In einzelnen Aufzeichnungen sind die Namen der Paukanten usw. mit ffh, ffrh (fidelis frater Hassiae usf.) zur Kenntlichmachung versehen. Die Beschriftung von Bändern, die Aussagen von Verhörten und des Wundarztes Spengler bestätigen diese Vorgänge. Für die Zeit von W.S. 1849/50 bis W.S. 1853/54 konnten noch 44 Partien nachgewiesen werden. Unsere Mitglieder Bernard und Schneider fochten in Karlsruhe Forderungen mit Franken und Bayern aus, die vorher Darmstädter Germanen und Allemannen waren.
In jene Zeit um die 50er Jahre fällt die Blütezeit der alten Darmstädter Corps. Die Hassia hatte damals 1849/50 in Ludwig Wilhelm Diefenbach aus Darmstadt, aus wohlhabendem Hause stammend, einen besonders tüchtigen Senior. In der Folge kamen noch Ludwig Häfele aus Kranichstein, Peter Zimmer aus St. Johann in Rhh., Konrad Vetter (vorher Rhenane) aus Groß - Karben, Adam Bernard (vorher Rhenane) aus Mainz, Rudolf Marx aus Leeheim i. Ried, Karl Schmitz aus Darmstadt und Ottmar Hahn aus Wetzlar hinzu. An der Höh. Gewerbschule studierten in diesen Jahren zahlreiche Söhne von Bauern (Oeconomen, wie größere Besitzer damals genannt wurden), Weinbauern und Domänenpächtern aus allen Teilen Hessens und wurden meist bei Hassia aktiv. Sie brachten ein gutes Element in das Corps. Ihre Studienzeit wurde allerdings im Sommersemester meist unterbrochen.
Nach den politischen Ereignissen von 1848 wurde die Regierung aufmerksamer auf Verbindungen und Vereine jeder Art, dabei auch auf die an und für sich verbotenen Korporationen. Es sind noch Beschlüsse bekannt, wonach bei Eintritt von Untersuchungen jedes Corps sich als aufgelöst zu betrachten habe und eine Abwanderung aller Corpsleute von Darmstadt in Aussicht genommen wurde. Im Auftreten in der Öffentlichkeit wurde man vorsichtiger. Farben konnten zeitweise nicht offen getragen werden.
Als am 8. Juli 1854 der ,,Polizeisoldat Bickel“ im Gasthause ,,Zum wilden Mann“ in der großen Ochsengasse Feierabend gebot, geriet er auch in den Kneipraum der Allemannia, von dessen Wänden ,,in effigie“ Bilder der ,,Revolutionsmänner“ Hecker, Kossuth, Blum und v. Trützachler auf die Kneipenden herabblickten. Sie wurden sofort mir Beschlag belegt. Das war natürlich eine verhängnisvolle Angelegenheit, die bei der Direktion und Regierung viel Staub aufwirbeln mußte. Aber wie vieles seine guten und schlimmen Seiten hat, so auch hier, denn durch die nunmehr einsetzenden Untersuchungen und Verhöre wurden die hierüber geführten Protokolle, Berichte und Beschlüsse der Nachwelt in den Aktenfascikeln erhalten, wo sie nach 70-jährigem Schlummer 1922 wieder ans Licht kamen. Auf alle teils köstlichen Einzelheiten einzugehen, fehlt hier der Raum.
Germania hatte bereits Ende W.S. 1853/54 suspendiert und ihre Mitglieder gingen, soweit sie auf der Schule blieben zu Allemannia, andere wandten sich nach Karlsruhe, wo sie bei Bavaria aktiv wurden. Diese hatte bereits vorher Zuwachs von Darmstädter Germanen bekommen I.B. Camozzi, W. Theis, F. Samesreuther, wie sie auch nach Auflösung der Allemannia Ende W.S. 1854/55 von dieser eine Reihe Mitglieder anzog, A. Buss, F. Klein, F. Braun. Auch ein Hesse, Adolph Winter, aus Schwalbach, wurde später dort aktiv. Rhenania hatte ebenfalls Ende W.S. 1853/54 suspendiert, einzelne Mitglieder traten alsdann zu Hassia über, Vetter und Bernard. Von Hassia waren schon Jahre vorher beim Wechsel der Lehranstalt bei Franconia – Karlsruhe als Mitglieder eingetreten oder Konkneipanten geworden. Es sind dies Paul Stumpf, Jacob Kaysser, Karl Weiler, Rudolph Marx und Jos. Schneider.
Hassia überstand alle Untersuchungen, wohl wegen ihrer Fernhaltung von politischen Einflüssen, wie auch durch das besondere Ansehen und Wohlwollen, das sie bei der Direktion und Lehrerschaft genoß. Wiederholt liest man in den Protokollen die Aussagen der Schüler, daß die ,,Hessen“ während der Untersuchungen nach wie vor ,,geschlossen in ihren Farben sich öffentlich zeigten“. Am 27. September 1854 fand in Bingen der vereinbarte Kommers im ,,weißen Roß“ statt. Die von dem Gründungsburschen W. Heim durch Fuhrmann Meggendörfer nach Mainz geschafften Fahnen, Schilder u. dergl. wurden zwar dort polizeilich beschlagnahmt, aber auf Ersuchen des Heim wieder herausgegeben. Die Beteiligung war groß. Als Chargierte fungierten damals Rud. Marx u. Adam H. Bernard. Am 5. September 1854 hatte das Kreisamt Bingen die behördl. Erlaubnis zur Abhaltung des Kommerses gegeben. Von unserem Gründungsburschen H. Kern liegt noch sein Ausgabenverzeichnis über 18 Gulden zu diesem Fest vor. Die erhalten gebliebene gedruckte Einladung ist von Heim, Kern und Bindewald unterzeichnet. Es scheint so, als ob in den folgenden Semestern die Zucht im Corps nachgelassen hätte, es sind zwar noch gute Chargierte bekannt, aber im S.S. 1856 ereigneten sich einige Ausschreitungen in nächtlichen Skandalen und Stiftung von Unfug, die abermals die Leitung der Schule beunruhigten und zu erneuten Untersuchungen führten. Sie endeten mit einigen Relegationen und schweren Karzerbestrafungen. Mit diesen Ereignissen war das Ende der Hassia entschieden. Sie suspendierte Ende S.S. 1856. Auch hatte die Schule selbst bis dahin einen solchen Tiefstand erreicht, daß ein Korporationsleben wie das der vergangenen Jahre unmöglich wurde.
Die Hinterlassenschaft des Corps wurde unter die letzten Mitglieder verteilt. 0. Hahn nahm das Pauk- und Konventbuch in Verwahrung, Chr. Lenz hat das Paukzeug erhalten. Die Statuten von 1843 waren bei den Untersuchungen beschlagnahmt worden und befanden sieh 1922 bei den wieder entdeckten Akten. Auch die Konstitution der Allemannia war darin enthalten. Von den noch im Archiv vorhandenen Überresten der alten Hassia sind zu erwähnen ca. 150 Silhouetten, darunter einige der anderen Darmstädter Corps. Bekannt geworden und in auswärtigem Besitz sind außerdem noch 33 Silhouetten. Es sind fast die meisten Mitglieder allein durch diese Scherenschnitte belegt. Der weitaus größte Teil konnte nach dem 1. Weltkrieg noch ermittelt und dem Corps erhalten werden. 19 alte Hessenbänder mit sehr schöner Beschriftung: Wahlspruch, Gründungsdatum, Mitglieder und E.M. sind im Besitz des C.C. In fremdem Besitz sind 1 Frankenband, 3 Germanen- und 2 Allemannenbänder, ebenso beschriftet. Vorhanden ist noch das Kommersbuch des H. Kern von 1843 und des P. Zimmer von 1852 mit Aktivenliste W.S. 1852/53, des weiteren die Stammbucher des H. Amendt und Ed. Bindewald; 1 alte grüne Hessenmütze; der Rest einer solchen, früher als Bedeckung im Ehrengang auf Mensur benutzt (eine Erinnerung an die Mensuren in Mütze); 1 Tönnchen grün-rot mit weißem Eichenlaub in Seide bestickt und der Tabaksbeutel des P. Zimmer, der auch auf seinem von W. Schlamp gemalten sehr schönem Aquarellbild zu sehen ist. Ein sehr schöner Pfeifenkopf der grün-weiß-goldenen Hassia, geschenkt E. Rheinheimer s/m H. Amendt mit Stiftungsdatum v. 29. 11. 1840 und Wappen, und einige der erwähnten Lebewohlbilder ergänzen unter anderen Dingen den Archivbestand.
(Hier möchte in mit Dank erwähnen die Herren der Gießener Hassia:
Prof. Fflegler, Bensheim, Obermed.-Rat Dr. Schlapp, Heppenheim, San.-Rat Dr. Barthel, Oberfinanzrat Wenzel, Darmstadt, Ober-Kriegsgerichtsrat Koch und Prof. Dr. Schmitt, Gießen, sowie Herrn Oberreg.-Rat Dr. Heinemann, Starkenburgiae in Darmstadt; die mit größtem Interesse die Forschung über die alte Hassia - Darmstadt unterstützten und mit deren Hilfe es gelang, zahlreiche Silhouetten und sonstige Gegenstände, wie auch unsere Statuten und die Disziplinarprotokolle ausfindig zu machen und dem Corps zu erhalten. Ebenso danke ich unserem Corpsbruder Max Weerpas für das nützliche Interesse, das er in den 20er Jahren dieser Forschung zuwandte.)
Einer der letzten Mitglieder der Hassia Jean Becker aus Mainz und dessen Bruder Nicola Becker gründeten am 19. August 1857 ein Corps Arminia mit den Farben grün-weiß-rot und grüner Mütze. Es kann wohl kaum daran gezweifelt werden, daß diese Arminia, von der noch eine Reihe Mitglieder bekannt und Gegenstände vorhanden sind, eine Fortsetzung der Hassia darstellt. Sie bestand bis 1864 und pflegte vor allem den freundschaftlichen Zusammenschluß ihrer Mitglieder. Von Mensurwesen und Tragen der Farben in der Öffentlichkeit konnte in diesen Jahren keine Rede mehr sein,
II. Die Rekonstitution des Corps am 18. Oktober 1869.
Für die nun folgende Zeit von über 80 Jahren kann kein eingehender Bericht gegeben werden und das Leben des Corps ist nur in großen Umrissen abzuzeichnen. Eine chronikale Schilderung wäre nur mit Hilfe der jeweiligen Semesterberichte und mit Feststellungen aus den C.C.-Protokollen möglich. Dieser Weg wird überhaupt nicht mehr gangbar sein, da aller Schriftwechsel und sämtliche Protokolle bis auf die Zeit ab S.S. 1927 in der Bombennacht v. 11./12. September 1944 vernichtet wurden. Es leben kaum mehr Mitglieder, die aus der Zeit vor 1890 bestimmteres berichten könnten und wenn nicht unser Corpsbruder F. Gernhardt vor dem letzten Kriege aus den Protokollen sämtliche je bei Hassia eingetretenen Studierenden mit Angabe kurzer Daten ermittelt hätte, wäre so gut wie nichts mehr bekannt. Das Paukbuch ab 1869 ist erhalten, der Verfasser dieser Abhandlung hat in den 20er Jahren für jedes Mitglied die Mensuren mit Resultat ausgezogen, auch einige wenige schriftliche Angaben von älteren Mitgliedern sind erhalten.
Aus all dem ergibt sich in großen Zügen folgende weitere Entwicklung. 1869 endlich konnte sich die Regierung entschließen, den seither begangenen falschen Weg, der 1864 sogar zur Rückbildung in eine ,,technische Schule“ geführt harte, zu verlassen. Unter Aufhebung der Forderung eines 3-jährigen Studiums an der Universität für akademische technische Beamte, wurde die Schule zur ,,Polytechnischen Schule“ erhoben‘ der nach Beseitigung einiger anderer rückständiger Einrichtungen 1877. die Erhebung zur Technischen Hochschule folgte.
Am 18. 0 k t o b e r 1869 rekonstituierte ein Freundeskreis von Studierenden unser Corps. Es waren dies:
Eduard Ehrenfeld aus Oberseemen in Oberhessen,
Frhr. Hans Schenk zu Schweinsberg-Rülfenrode aus Darmstadt,
Adolph Kleyer aus Darmstadt,
Carl Kleyer aus Darmstadt,
Max Jacobi aus Frankfurt a.M.,
Job. Wilhelm Steffen aus Birkenfeld i. Old.,
Louis Klipstein aus Dornberg bei Groß-Gerau.
Hans v. Schenk und Adolph Kleyer war die alte susp. Hassia bekannt, auch war L. Klipstein ein Verwandter des Mitgliedes von 1842. Teile der bereits beschriebenen alten Corpsgegenstände, wie Bänder und des Paukzeugs befanden sich bei der Aktivitas und es wurde beschlossen, sich der 1856 suspendierten Hassia anzugliedern. Die grün-weiß-roten Farben und der Wahlspruch wurden beibehalten, die Einteilung des Wappens und die weiße Mützenfarbe denen der Gießener Hassia entlehnt. Doch wurde später beim Rektorat der Zusatz zur Anerkennungsurkunde festgelegt, daß als Mützenfarbe auch grün gewählt werden könne.
Dem Corps schien zunächst ein guter Fortgang durch den Eintritt genügender Mitglieder bestimmt, doch mußte ein erheblicher Teil der Aktiven zur Teilnahme am Deutsch-französischen Krieg ins Feld rücken. Der Krieg forderte von den Mitgliedern kein Opfer, das Corps hatte aber in jener Zeit den Tod 3er Aktiver als Studenten zu beklagen. Mit stud.-ing. Carl Pfaltz aus Frankfurt entstand in der Kriegszeit dem Corps ein tüchtiger Senior. Er arbeitete auf der Grundlage des Gießener Komments die ersten Statuten der jungen Hassia aus und reiste nach Stuttgart, wo ihm der C.C. der Stauffia mir Rat zur Seite stand. 1870 wurde die Hassia nach Vorlage ihrer Konstitution, dem Aktivenverzeichnis und der Offiziellitäten vom Direktorium der Gr. Polytechnischen Schule anerkannt. Das erste Auftreten der Darmstädter Studentenschaft in der Öffentlichkeit geschah mit einem Fackelzug und Kommers auf dem Chausseehaus am 22. Juni 1871 aus Anlaß des Friedensschlusses, bei dem unser Senior Pfaltz präsidierte und die Festrede hielt.
Bald nach der Anerkennung des Corps durch die Hochschule stellten sich auch Mitglieder der alten Hassia ein. Es waren dies hauptsächlich die Corpsbrüder Amendt, Barthel, Schwalb, Zimmer und Himmelreich. Schon 1870 wurde auch unsere frühere berühmte Exkneipe ,,ins Finke“ als Frühschoppenlokal vom Corps besucht.
Inzwischen hatte sich eine Burschenschaft Germania in Darmstadt aufgetan, mit der zunächst ein Paukverhältnis abgeschlossen wurde. Sie löste sich Anfang 1873 wieder auf. Um nun einen regelmäßigen Austrag von Mensuren zu gewährleisten, fanden sich 2 Hessen, Max Jakobi und Georg Koch mit 2 anderen Studierenden bereit, ein neues Corps, die Rhenania, aufzutun, mit dem unsere Hassia am 12. Juni 1872 den Darmstädter S.C. bildete. Am 12. November 1872 wurde die erste Mensur im S.C. geschlagen. M. Jacobi hatte der Hassia das erste Paukzeug zur Verfügung gestellt. Der S.C. hatte sich am 11. 7. 1873 wieder aufgelöst, am 4. 5. 1874 jedoch neu gebildet. In der Zwischenzeit bestand ein loses Paukverhältnis mit dem Aschaffenburger S.C. der dortigen Forstcorps. Auch mit dem Gießener Corps Starkenburgia wurden Contrahagen ausgefochten. Bei diesen Mensuren schnitt unser Corps sehr schlecht ab, was bei der geringen Erfahrung unsererseits nicht zu verwundern ist.
Am 22. 5. 1874 trat der D.S.C. dem am 7. 4. 1863 gegründeten Weinheimer Seniorenkonvent bei, die Herauspaukpartien wurden von Hassia und Rhenania in Karlsruhe am 27. 7. 1874 geschlagen. Am 26. 1. 1874 schlug unser Senior Franz Martel die erste Corpshatz Partie gegen den Rhenanensenior G. Kaus. Beide Paukanten erhielten 3 Monate Festung, die in Darmstadt abgesessen wurden. Als Orte für die Mensuren sind hauptsächlich der Dippelshof bei Traysa und der Karlshof im Norden der Stadt vermerkt. Außerdem das alte Schießhaus, das gegenüber der jetzigen Haltestelle Jahnstraße stand, auch eine Waldmensur beim Dippelshof stehen im Paukbuch. Ab W.S. 1887/88 wurde ausschließlich auf dem Heilig Kreuz gefochten. Carl Pfaltz besorgte als Fechtlehrer einen franz. Sergeantmajor, der aber nur Florett fechten konnte, dann vermittelte v. Schenk den ersten Darmstädter Fechtmeister Riehl, der uns noch 1906 einpaukte, bis wir zu Fechtmeister Kaiser übergingen.
Die Kneipen wurden sehr oft gewechselt, die erste befand sich nach Angabe unseres Pfaltz in einem Gasthaus neben dem jetzigen Corpshaus. Dann war sie längere Zeit in der Karlstraße bei Restaurateur Carl Will in der Nähe des Hochschulgebäudes. Einen gemeinsamen Mittagstisch gab es damals noch nicht. Auch war die Lebenshaltung und der monatliche Wechsel im allgemeinen sehr gering.
Das 2. Stiftungsfest fand am 21. Oktober 1872 mit einem feierlichen Kommers auf dem Heiligkreuz und einer Chaisenausfahrt durch die Stadt und nach Traysa statt. Die Schlußkneipe des S.S. 1873 wurde als Waldkneipe auf dem Glasberg gehalten.
Eine hervorragende Stütze unserer Hassia‘ deren menschliche Eigenschaften gleich rühmlich waren, erstand 1874 in unserem Mitglied Heinrich Schmitt, stud. ing. aus Ober-Ingelheim, mehrmaligem Senior, als bedeutendster und elegantester Fechter an fast allen süddeutschen Hochschulen unter dem Namen ,,Hessenschmitt“ bekannt. Er hat auf unsere Waffen 42 Mensuren geschlagen, eine davon vom Einjährigendienst in Uniform auf das Schießhaus kommend, schon in der Gewißheit, ohne Blutigen den Gegner abzuführen. An einem Samstagnachmittag lief er zu Fuß von Ober-Ingelheim nach Darmstadt, um auf die Hessenkneipe zu kommen.
Mit dem Corps Stauffia - Stuttgart bestand bis W.S. 1876/77 seit der Gründung ein freundschaftliches Verhältnis, das sich in gegenseitigen Besuchen und der Gemeinschaft einer Reihe von Mitgliedern auswirkte. Auch zu Franconia - Karlsruhe, Sleswico - Holsatia - Hannover und Rhenania - Aachen (jetzt Braunschweig) bestanden Beziehungen durch gegenseitige Einladungen zu den Stiftungsfesten, doch gingen diese wieder ausgangs der 70er Jahre verloren, wahrscheinlich hervorgerufen durch die Suspendierung des D.S.C., den vorübergehenden Austritt aus dem W.S.C. und starken Aktivenverlust der Hassia. Die erste S. C. - Hatz wurde im W.S. 1879/80 mir dem Karlsruher S.C. gefochten. Trotz des äußerst geringen Aktivbestandes wurden im W.S. 1877/78 von Hassia 29 Partien im S.C. gestellt.
Der stark verminderte Besuch der Hochschule in jenen Jahren, die Zahl der Studierenden betrug nicht mehr als 200, war sehr ungünstig für die Aktivbestände. Mehrmals mußten A. H. reaktiviert werden und 1884 half uns Rhenania - Darmstadt mir ihrem Erstchargierten Karl Pfeiffer aus. Langsam besserten sich die Verhältnisse und nahmen einen sprunghaften Aufschwung durch den Ausbau des Lehrstuhls für Elektrotechnik, der infolge des Wirkens eines ihrer bedeutendsten Gelehrten, Prof. Dr. Erasmus Kittler, führend auf dem gesamten Kontinent wurde. Dies kam auch den Korporationen zu Gute.
Zwei bedeutende Mitglieder der Hassia waren Ende der 80er Jahre die Brüder Georg und Wilhelm Kolb, stud. - ing. u. stud. - chem. aus Alsfeld/Oberhessen‘ mehrmalige Erstchargierte, die bis zu ihrem Tode in treuester Anhänglichkeit zum Corps standen. Nun folgte eine Zeit merklichen Aufblühens der Hassia. Es traten wieder freund¬schaftliche Beziehungen zu anderen CC. des W.S.C. ein, vornehmlich zu Rhenania - Stuttgart, dann Alemannia - Karlsruhe und Visurgia - Hannover. Als sieh diese wieder gelöst hatten, blieb Hassia mit Rhenania im Freundschaftsverhältnis, Alemannia und Visurgia in Kartell zueinander. Ein reger Austausch von Corpsburschen fand zwischen diesen C.C. statt, die ihre Bänder auch noch nach der Trennung behielten.
Am 16. November 1889 wurde unser Corpsbruder Phil. Riedlinger aus Darmstadt Mitgründer der Franconia - Darmstadt.
Die ersten beiden Jahrzehnte nach der Rekonstitution standen unter starker Bedrückung des Mensurwesens. Eine bedeutende Anzahl von Corpsbrüdern mußte nach abgefaßten Mensuren 3 Monate Festungshaft, teils in Darmstadt verbüßen. Doch genossen die Häftlinge erhebliche Freiheiten und das Auskneifen aus dem Lokal in der Rundeturmstraße zu Kartenspiel und Schoppen wurde ebenso wie Besuche zum gleichen Zweck in der Haft geübt. In den Sommer - Semestern 1872, 1873 und 1885 kam es überhaupt zu keiner Mensur. Diese, die nun ausschließlich auf dem Heiligkreuz geschlagen wurden, nahmen in den 90er Jahren einen ungeahnten Aufschwung. Im W.S. 1895/96 wurden 61 Partien von Hassia mir 24 Abfuhren auf der Gegenseite und 9 Minusabfuhren geschlagen und im W.S. 1898/99 die jemals höchste Zahl von 66 Partien mir 25 Abfuhren auf Gegenseite und 9 Minusabfuhren erreicht.
Als besonders tüchtige und repräsentative Senioren von 1890-1900 sind zu nennen: Michael Buhl, Hans Gericke, Josef Neubürger, Rud. André, Steph. Prager, Ruppert Schneider und Georg Schlobach. Im Jahre 1899 gelang es endlich, dem Corps ein eigenes Heim durch Ankauf des früheren Offizierskasinos der weißen Dragoner am Marienplatz zu schaffen, eine würdige Unterkunft mir gediegener Ausstattung, das 1944 in Trümmern lag. Dort hatten wir jungen Aktiven ein wirkliches zu Hause und diese Umgebung war von bedeutendem Einfluß auf das Gepräge der Aktivitas. Unser Corpsdiener Bönsel betreute Haus und leibliches Wohl des Nachwuchses und der Gäste durch fast 2 Jahrzehnte in vorbildlicher Weise.
Seit 1895 gibt das Corps regelmäßige Mitteilungen heraus, die unter der Redaktion unseres G. Hecht, später R. Kindt einen erfreulich hohen Stand erreichten.
Nach Eintritt der Francoma in den D.S.C. 1893 hatte sich dieser im Jahre 1898 noch um das 1861 in Hannover gegründete Corps Obotritia vermehrt, so daß nunmehr 4 C.C. den D.S.C. bildeten. Er erweiterte sich 1908 um ein 5. Corps, die Chattia, welche aus der Verschmelzung zweier Corps des Maturitäts-S.C. Chattia und Thuringia in Darmstadt, entstanden war. An dieser Stelle dürfte es erwähnenswert sein, daß 3 der größten Automobilwerke Deutschlands von Darmstädter Corpsstudenten zur Blüte gebracht wurden: Ernst Büsing – Hassia, Heinrich Kleyer – Rhenania und Adam Opel – Franconia.
In den Jahren nach 1900 verringerte sich der Aktivbestand wieder. Mehrmals sprangen Stuttgarter Rhenanen bei uns ein und kurz vor dem 1. Weltkrieg gab uns Rhenania Darmstadt zur Aufrechterhaltung unseres Bestandes 2 Aktive ab. Bemerkenswerte Erstchargierte der Zeit ab 1900 bis zum Weltkrieg sind: Otto Streuber, F. W. Gärtner, Georg Geiger, Alfred Schuseil, Fr. X. Schmitt und Rudolf Schuster. Am 8. November 1904 schlug A. Schuseil die 1000. Mensur der Hassia. Die letzte S. C.- Hatz wurde im Sommer 1906 und W.S. 1906/7 zwischen Darmstadt und Hannover gefochten.
Als Trägern der Tradition unserer Hassia verdanke ich viele Mitteilungen von Ereignissen, auch persönlicher Natur, und manche Anregung für die Corpsgeschichte unseren Corpsbrüdern, den Ehrenburschen Ehrenfeld und Hch. Schmitt, Carl Pfaltz, den Brüdern Georg und Wilhelm Kolb und Carl Ruths. Auch soll hier einiger Männer gedacht werden, die in Treue und Hilfsbereitschaft durch viele Jahre dem Corps ihre Anhänglichkeit bewiesen, ich denke dabei an Hermann Schandert, genannt ,,Max“, der Wirt ,,ins Finke“, unserer Exkneipe in der Elisabethenstraße, der jedem von uns älteren in unvergeßlicher Erinnerung bleiben wird. Ebenso des beliebten Wirts zum Heiligkreuz‘ des alten Srrohmengers, der auch einmal 3 Monate auf Festung wanderte, und des heute noch hochbetagt und rüstig lebenden Oberpedellen Gölz, der dem Corps manchen Keilfuchs anbrachte und nichts auf die Hassia kommen ließ.
Der erste Weltkrieg forderte von uns an Toten:
Joseph Neubürger, als Kampfflieger im Westen gefallen,
Georg Geiger, gefallen in Galizien,
Ernst Schutt, gefallen in Flandern,
Karl Giegler, gefallen auf dem Vormarsch bei Douai,
Alex Jagenberg, in Luftkampf gefallen,
Willy Peters in der Champagne,
Heinrich Weishaupt, gestorben in einem Kriegslazarett,
Otto Götz, gestorben in einem Feldlazarett im Osten,
ein schmerzlicher Verlust besonders für die ihnen nahestehenden Conaktiven.
Im Wintersemester 1918/19 gelang es unter Beteiligung ortsansässiger Alter Herren und Inaktiver den Bestand des Corps, der offiziell nicht unterbrochen war, zu erneuern. Mit der starken Zunahme der Studierenden, bedingt durch große Erweiterung der Institute, hob sich bald der Aktivbestand beträchtlich. Viele Söhne von älteren Mitgliedern und befreundeten A.H. der Corps des Kösener S.C.V. besuchten die Hochschule und wurden aktiv. Noch einmal erreichte im W.S. 1920/21 die von Hassia gestellten Partien die Zahl 63 mit 12 Abfuhren auf gegnerischer Seite und 5 auf Seiten der Hassia. Am 1. Februar 1927 schlug Will Euler die 2000. Mensur der Hassia.
Für diesen Zeitraum bis zum 2. Weltkrieg möchte ich keine besondere Schilderung geben. Die Aufzeichnung dieser von fleißigem Streben und oft auch überschäumender Jugendfreude erfüllten Jahre durfte einem Corpsbruder der jüngeren Generation besser von Hand gehen als dem Verfasser dieser Abhandlung, der Gelegenheit hatte, noch die meisten heute nicht mehr lebenden Corpsbrüder aus der Zeit ab 1869, ja noch einige alte weit über 100 damals zählende Semester persönlich gekannt zu haben, und deshalb über diese vergangenen Tage unseres Bundes besser unterrichtet ist.
Durch das Aufkommen der national-sozialistischen Herrschaft sollte auch den deutschen Korporationen das Ende beschieden sein. Das freie Studentenleben wurde mehr und mehr eingeschränkt. Als der Druck immer stärker wurde, teilte am 13. Oktober 1935 der damalige Senior der Hessen, Walter Junior, der Presse mit: ,,Ausgehend von der Erkenntnis, daß ein korpsstudentisches Eigenleben im Rahmen national-sozialistischer Volksgemeinschaft keinen Raum mehr hat, hat das Corps Hassia in Darmstadt beschlossen, seine 95-jährige Tradition in Ehren abzuschließen und sich aufzulösen“.
Es wurden sogen. studentische Kameradschaften befohlen und die Namen für sie bestimmt. Die A. H.- Vereinigung der Hassia und Chattia wurden zusammengelegt, eine Kameradschaft ,,Kapitän Lehmann“ gebildet. Im Corpshause tauchten Mitglieder auf, die der A.H.- Vereinigung unbekannt waren und mir denen kein Zusammenstehen zu ermöglichen war. Mit dem unheilvollen Ende des Krieges ging auch dieses Intermezzo unter.
Neben dem Leben der aktiven studierenden Jugend darf auch nicht die Verbundenheit der alten in Praxis und Leben stehenden Mitglieder und ihre Geselligkeit vergessen werden. Erwähnung bedarf ja nicht besonders der Besuch von Festlichkeiten, Konventen und Sitzungen des Corps‘ sondern der sonstige Verkehr der Corpsbrüder und ihrer Frauen unter sich. Aus Mangel an Unterrichtung kann ich hier nur kurz über den Kreis Darmstadt weniges anführen. Nach dem ersten Weltkrieg lebten in Darmstadt durch eine Reihe von Jahren zahlreiche A.H. Es waren dies: C. Ruths, A. van Baerle, L. Bero, R. Kindt, Ph. Roeder, L. Wagner, R. Schneider, E. Weinerth, 0. Ehlers, G. Petry, G. Delp, W. Goebel, W. Frank, R. Schuster, W. Schenck, W. Ruths und K. Kohl. Von diesen waren stets einige bei dem wöchentlichen Schoppen anwesend und auch nach dem Ableben mancher lieben und getreuen Brüder setzte sich dieser Brauch bis ans Ende fort, d. h. bis zur Zerstörung Darmstadts am 11. 9. 1944. Der letzte Eintrag ins Gästebuch ist datiert v. 8. 9. 1944, also wenige Tage vor dem Untergang. Trotz der bedrohlich angewachsenen Fliegergefahr waren Ruths, Roeder, Petry und Ehlers, letzterer aus Dieburg, bei ,,Michel“ zu 1 Glas Wein, mehr gab es zuletzt nicht mehr, wie allwöchentlich erschienen.
Zum Gedächtnis unserer im 2. Weltkrieg gefallenen oder vermißten Corpsbrüder seien im folgenden ihre Namen genannt:
Ernst Voormann als Volkssturmmann vermißt,
Gerhardt Schmitt, gestorben in russ. Gefangenschaft,
Walter Frei beim Einmarsch der Russen erschossen,
Walter Junior, gefallen im Osten,
Karl Hofmann jr., vermißt auf dem Balkan,
Valentin Wallauer, gefallen im Osten,
Paul Junior, gefallen bei Berlin,
Ferd. Gebhardt, gefallen bei Sedan,
Hans Eisentraut, vermißt,
Heinz Kühne, gefallen,
Erich Erbach, in Frankreich tödlich verunglückt,
Günther Hartmann, gefallen bei Berlin,
Otto Heinz Boes, vermißt,
Alexander Koch, gefallen im Osten,
Kurt Wagner, gefallen in Frankreich,
Harald Jensen, als Flieger vermißt,
Hilmar v. d. Malsburg, gefallen in Nordafrika,
Hans Plass, gefallen bei Walcheren,
Adolf Lipp, verhungert in franz. Gefangenschaft.
III. Die Breuberger.
Die Hassia war wohl 1935 offiziell aufgelöst worden, aber die Reste der Aktivitas, die A.H.V., das Haus, wenn auch in Trümmern, die geordnete Kassenführung waren noch vorhanden. Wie vorhin erwähnt, hielten die Mitglieder such in der schlimmsten Zeit noch getreulich zusammen. Es mußte ihnen am Herzen liegen, ein Wiedererstehen des Corps ins Werk zu setzen, nachdem wieder einigermaßen Ordnung in den Lebensverhältnissen eingetreten war.
Es gelang einigen Corpsbrüdern am 30. März 1946 sich im Ratskeller in Darmstadt zu treffen. Da die Zusammenkunft nicht von der Militärregierung genehmigt war, wurde unser Georg Petry als Veranstalter mit 500 RM Geldstrafe belegt. Ein Hessentreffen im Hotel zur Post in Darmstadt am 13. September 1947 mit Genehmigung der Mil.-Regierung sah eine stattliche Zahl Mitglieder beisammen. Ein Jahr später fand auf der Wachenburg bei Weinheim eine Wiedersehensfeier mit Damen statt mir 101 Teilnehmern, davon 62 Corpsbrüder mit deren Frauen und Töchtern. Ebenso legte die Weihnachtskneipe im Gasthof zum Fuchsbau in Zwingenberg am 11. 12. 1948 durch das Erscheinen einer großen Anzahl von Mitgliedern Zeugnis von der Verbundenheit im Corps ab.
Zu dieser Feier waren Herren der Studentenverbindung an der T.H. ,,Die Breuberger“ eingeladen zur Fühlungnahme mir der Hassia. Nach weiteren Verhandlungen mir den jungen Studierenden erfolgte bei vertrauensvollem gegenseitigen Einvernehmen am 11. Juni 1949 auf der Wachenburg die feierliche Aufnahme von 16 Mitgliedern der Breuberger in den A.H.- Verband des Corps Hassia und die Umwandlung der Studentenverbindung ,,Die Breuberger“ in das ,,Corps Hassia“ an der Techn. Hochschule Darmstadt. Zu diesem Ereignis waren 37 Corpsbrüder erschienen.
Es galt nun für den jungen Nachwuchs wieder eine Unterkunft zu schaffen. In lobenswerter Weise wurde unser früher so schönes, nun fast ganz zerstörtes Haus, unter tätiger Mithilfe der aktiven und inaktiven Corpsbrüder und mittels Spenden opferfreudiger Alter Herren wenigstens für den dringendsten Bedarf wieder aufgebaut. Die weitere Entwicklung unseres Bundes, in den wir im Wintersemester 1954/55 wieder 4 Söhne alter Mitglieder als Füchse aufnehmen konnten, gibt zu der berechtigten Hoffnung auf ein ferneres Wachsen, Blühen und Gedeihen unserer Hassia Anlaß.